Ist Ty Dolla $ign wirklich der neue R.Kelly von 1990 – 2000? Die Erwartungen an das Debütalbum sind riesig. Wir haben uns das Album angehört – hier bekommt ihr die Antwort!

Einleitung
Die Tracks auf „Beach House“ (2012) und „Beach House 2“ (2013) vom West Coast Rapper Ty Dolla $ign, der vor kurzem von Atlantic Records unter Vertrag genommen wurde, klangen eher nach einer Person, der sich regelmäßig umgeben von Fremden in einem Strip-Club vergnügt statt Releases von einem ernstzunehmenden Künstler zu sein. Er selbst verortete seine Musik irgendwo zwischen Houston Club Rap und Atlanta Trap. Hinzukommt sein softer, anschmiegsamer und ausgesprochen unpeinlicher Gesang. Als er 2012 damit zum ersten Mal um die Ecke kam, fühlte es sich nach etwas ganz neuem an. Nun drei Jahre später haben ihn Künstler wie The Weeknd und Fetty Wap in dieser Hinsicht sogar überholt. Ty’s Debüt-Album, benannt nach seinem jüngeren Bruder, der zu einer lebenslange Haftstrafe aufgrund eines Mordes verurteilt wurde, ist weitaus subtiler als die vorgenannten Releases von ihm und beweist, dass er auch neben einer Vielzahl von ähnlichen Acts noch immer ein Unikat ist Sex zu besingen.

Album Facts
• 16 Tracks | 1 Std. 12 Min.
• Featuring Kendrick Lamar, Diddy, Future, R. Kelly, Wiz Khalifa, Brandy, Babyface, Jagged Edge, Fetty Wap, E-40, YG, Rae Sremmurd und Sevyn Streeter
• Produced by DJ Mustard, Hit-Boy, Stargate, Metro Boomin, Benny Blanco, Sa-Ra uvm.
• Label: Atlantic Records
• Releasedate: 13. November 2015

Review
Das Album beginnt mit „LA“, einem Song über die Heimat South LA in der er sich eigentlich wohlfühlt, aber gleichzeitig auch raus will. Kendrick Lamar’s langer, fast schon atemloser Verse in der Mitte des Tracks macht alles noch einmal etwas abwechslungsreicher. Beide fallen glücklicherweise hier nicht in überschwänglichen Heimatpatriotismus: „Let me hit the pawn shop, Mama said we need a loan / God, let me dedicate this to the 80 percent that ain’t never coming home“. Mit diesem Track als Opener lässt sich mutmaßen, ob die Themen auf dem gesamten Album so sein werden: Ungerechtigkeit, veraltete religiöse Ansichten und auf der Suche nach Inspiration in einer Welt aus der man ausbrechen will. Aber bereits der zweite Track, der Party-Tune „Saves“, wirft diese Einschätzung komplett über den Haufen. DJ Mustard’s Tin-Trap Produktion und einer klassischer Ty Dolla $ign passen hier wie die Faust aufs Auge: „She wanna fuck now but I wanna fuck later“.

Ty Dolla $ign’s voherige Mixtapes waren zwar unterhaltsam, aber nicht gerade besonders innovativ. Sie klangen so als hätte er Schwierigkeiten Themen abseits von Drinks verschütten und sexueller Verführung zu finden. Lyrisch betrachtet passiert auf „Free TC“ genau das gleiche, aber alles klingt etwas „erwachsener“. Auf „Solid“ klingt alles etwas gedämpfter als sonst und man hört Ty’s lispelndes „S’s“ zum ersten Mal auf einer Akustik-Gitarre. An dieser Stelle würde ich gerne einmal wissen, wem ihm zu einem Track wie „Horse in the Stable“ geraten hat. Ein Country Western Song, gesungen von einem rappenden Cowboy mit befremdeten Vergleichen wie „pussy like quicksand“. Von einem Redneck mit abstrusen Fantasien zu einer schlechten R. Kelly Kopie und „Credit“. Ty mimt hier einen monotonen R&B Sänger, der seine Sätze („Gotta stop talkin‘ to them bitches“) so unerträglich neben den Beat setzt, dass es schon fast nicht anhörbar ist. „Free TC“ zeigt eine Vielzahl neuer Facetten auf von denen aber nur wenige in den musikalischen Kosmos Ty’s passen.

Einer der Hauptgründe weswegen „Free TC“ anders als seine Vorgänger klingt, ist die schiere Anzahl an Gastbeiträgen. E-40 ist so dermaßen durchgeknallt und laut auf „Saved“, dass er eher in eine „klarmobil“-Werbung passen würde anstatt auf den Track. Da steht Trey Songz die Rolle als resignierter Liebhaber auf „Know Ya“ schon etwas besser. „Guard down“ featuring Kanye West und Diddy fühlt sich wie eine Nachlese von etwas an – andächtig und moralistisch, unterstützt durch einen misshandelten Triangel-Beat. Und dann ist da noch Fetty Wap und sein fast schon perfekter Verse auf dem Instant Sex-Anthem „When I See Ya“

Doch trotz der neuen Facetten und der Gastbeiträge ist und bleibt Ty’s fesselnde Stimme das, was für den meisten Gesprächsstoff sorgt. Es ist eine geschmeidige und angenehme Sache irgendwo zwischen einem persuasiven Flüstern und einem warmen Knurren. Er ist so gut wie nie am Rappen, stattdessen singt er wie ein Rapper und springt zwischen den Welten umher. Ty’s unterzieht seine Stimme auf „Free TC“ vielen Test um am Ende genau zu wissen wo und wie er am besten klingt: „Miracle/Wherever“! Ein achtminütiger Track, der von einem mit Echo unterlegten Verse seines Bruders TC eröffnet wird. Der Inhalt des Verses ist „straight-from-the-cell“ und versetzt den Hörer direkt neben TC ins Gefängnis. Das harmonische Gegenstück auf dem Track liefert Ty Dolla $ign’s orchestralische Darbietung aus Wortspielen und Schnalzlauten.

Fazit
Es hat gedauert. Es ließ auf sich warten. Nun die gute Nachricht: Es hat sich gelohnt. Denn mit „Free TC“ ist Ty Dolla $ign ein mehr als amtliches Albumdebüt gelungen, auf dem er es schafft, sämtliche bereits vorhandenen Stärken weiter auszubauen und seine Einzigartigkeit zu manifestieren. Und trotzdem weiß er scheinbar noch nicht wohin es ihn am Ende treiben wird. Aber die Richtung stimmt schon einmal.


 

Tracklist
01. L.A. feat. Kendrick Lamar, Brandy & James Fauntleroy
02. Saved feat. E-40
03. Straight Up feat. Jagged Edge
04. Solid feat. Babyface
05. Horses In The Stable feat. Tish Hyman
06. Know Ya feat. Trey Songz
07. Credit feat. Sevyn Streeter
08. Miracle/Wherever feat. Big TC & D-Loc
09. Untitled feat. Diddy
10. Sittin’ Pretty feat. Wiz Khalifa
11. When I See Ya feat. Fetty Wap
12. Blasé feat. Future & Rae Sremmurd
13. Only Right feat. YG, Joe Moses & TeeCee 4800
14. Bring It Out Of Me
15. Actress feat. R. Kelly
16. Finale

Full Stream

Cover

Ty_Dolla_Sign_Free_Tc_Cover