Einleitung
Der aus Frankfurt stammende Gregpipe hat sich mit seinen beiden BMCL- und dem DLTLLY-Battle mit Kumpel Iron Basic wieder in das Gedächtnis der Raphörerschaft gerufen und veröffentlicht am 30. November sein zweites Soloalbum mit dem schlichten Titel „Dopamin„. Ob der einstige 1on1 Freestyle-Champion nach 6-jähriger Schaffenspause noch immer „State of the art“ ist, wird sich nun zeigen.


Gregpipe – Mitten ins Gesicht feat. Morlockk Dilemma

Review
Los geht es mit dem obligatorischen „Intro“, in dem Gregpipe direkt smooth einen Querschnitt seines textlichen Könnens präsentiert und in altbekannter minimalistisch aber präzisen Raptechnik erklärt, was dieses Album auszeichnet. Das von Undercover Molotov produzierte Intro, das eher schlicht und wenig Aufsehen erregend um die Ecke kommt, übergibt ab der Hälfte dem Mainzer PCP Beatz das Ruder, der das Ganze schon mit etwas mehr Leidenschaft und Soul angeht. Auch geschuldet durch die dezenten aber passenden Backing-Vocals von Sängerin Menna Mulugeta. Schon hier, spätestens aber bei „D.E.R.“, wird deutlich wohin die Reise gehen wird, Punchline- und Battleabfahrten wie man es von ihm gewohnt war/ ist. Für den Beat zur aktuell letzten Video-Single „Exhumiert“ zeigte sich Monroe verantwortlich, der hier einen großen Teil der Lorbeeren verdient. Ein absolut gelungenes Instrumental, das mit Chören und auf sich aufbauenden Samples geschwängert ist, sehr midtempo daherkommt, ganz ohne Hook, und dadurch etwas an das „Intro“ von Kool Savas’ „Tot oder Lebendig“ erinnert. Der darauffolgende Beat im Stile eines Necrow’s schafft bereits zu Beginn der zweiten Video-Single eine düstere Atmosphäre. Wer Gastrapper Morlockk Dilemma kennt, weiß was hier zu erwarten ist, und wenn er dazu noch auf Gregpipe trifft, ist es quasi vorprogrammiert. Erwähnen sollte man aber auch, dass Gregpipe auf diesem Track dem Leipziger in nichts nachsteht und abstrakte Bilder mit seinen Lines zeichnet.

Gregpipe’s Leben läuft auf „180bpm“ und gibt uns gleichnamigen Track auf die Ohren. Hinter dem Titel verbirgt sich ein Motivations-Track, der gut zum ersten Kaffee am Morgen passen würde um positiv in den Tag zu starten. „MVP“ beginnt mit einer Sequenz aus einem Film oder PS2-Spiel (?) und Menschenmengen, die den wertvollsten Spieler fordern oder feiern und ist der Soundtrack für den Rest des Tages. Drei sauber gerappte Representer-Strophen lassen dich wie Rocky durch die Stadt laufen. Wenn Gregpipe als rapperverspeisende Punchlinemaschine einmal in der Runde aufräumt, schlägt mein Herz als Battlerapfan höher. Dabei schafft er einen wahnwitzigen Spagat zwischen Storytelling und treffsicherem Punchlinegeballer: „Ich back’ meinen eigenen Kuchen, weil ich die Eier hab!“ Auf „Fick dich“ rappt Greg über alles das, was ihn in und an der Menschheit alles stört. Es geht hier unter anderem um Studiogänger mit unsauberer Technik beim Bankdrücken, Menschen, die ihre Lebenseinstellung jedem aufdrücken müssen und fehlende Anerkennung bzgl. seines musikalischen Schaffens.


Gregpipe – Exhumiert

Hier finde ich, hat Gregpipe das Potential des Tracks nicht vollends ausgeschöpft, gibt es doch noch so viele witzigere Dinge, die man auch thematisieren und mit denen sich jeder identifizieren könnte, anstatt darüber zu rappen wie man dem „Gefickten“ eine verpasst. In den knapp vier Minuten keimt in mir zu selten der „Genau!“- oder „Da hat er Recht!“-Gedanke auf. „Ich bin immer noch fresh und ihr seid immer noch trash“, wird Gregpipe nicht müde, zu betonen. Leider verbirgt sich hinter dem etwas einfallslosen Titel „Immer noch“ auch nur ein typischer Representer, der in mir das erste Mal das Gefühl von Reduktion erzeugt. Da kommt das ruhige Stück „Babba Shit“ gerade richtig. Eine entspannte Nummer rund um das klassische Thema: Gras und Rap. Das darauffolgende „Benjamin Button“ wäre alleinstehend ein Representer der besseren Art, fällt aber im Gesamtbild des Albums leider in die Kategorie von „Immer noch“ und „Fick dich“. Im Klartext: Die Vorstellung an einen Representer, der mit einer Synergie aus den Referenzen des gleichnamigen Films und dem Image Slim Shady’s in seinen besten Jahren aufgewertet wurde, war zu hoch als das letztendliche Ergebnis.

Trotzdem hat der Track das ein oder andere lyrische Highlight, das mich zum Schmunzeln gebracht hat. Auf der dritten Video-Single „Underdog“ erzählt er von seiner, manchmal nicht allzu leichten, Kindheit und seinem Weg durch das Leben. Dennoch sieht sich Gregpipe natürlich noch nicht am Ende des Weges und wagt auch einen Blick nach vorne. Greg scheint im typischen Struggle und Hustle aufgewachsen zu sein und anstatt künstlich etwas hinzuzustricken um vielleicht etwas mehr zu „schocken“, entschied er sich mehr für einen positiven Vibe. Ein anderer, wenn auch kleiner, Punkt, der „Dopamin“ zu einem durchaus interessanten Release macht, ist das Rap-Comeback von Costa Meronianakis aka Der junge Illz aka Illmat!c. Die Rückkehr in den Deutschrap-Alltag ist zwar nur auf eine Strophe reduziert, da seine Karriere als Stand Up Comedian nun einmal vorgeht, die aber die skeptischen Unkenrufe, dass er während seiner längeren Auszeit sein Handwerk verlernt hätte, sehr schnell widerlegt.


Gregpipe – Bars & Delivery feat. Dizaster

Der Frankfurter Rapper mit griechischer Abstammung liefert einen überzeugenden Part ab, der denen aus früheren Tagen in nichts nachsteht. Die nach Talkbox-klingende Hook von OverdOZe gibt dem Ganzen die nötige Lockerheit ohne dabei Gefahr zu laufen wie eine Persiflage zu klingen. Selbstverständlich finden sich aber auch einige Stellvertreter der Kategorie Live-Rap Battles auf dem Album wieder – „Schlachthaus“ mit den werten Kollegen Tierstar Andrez, Iron Basic und Damion Davis, wobei zwei gegenüber den anderen beiden eher witzlose Figuren abgeben. Dann lieber doch A cappella. Davon abgesehen besitzt der Track jede Menge Cuts, vorrangig von der Titel-gebenden US-Crew, und Scratches. Im Allgemeinen zieht sich das erste Element des Hip-Hops durch das komplette Album.

Die meist sehr reduzierten und minimalistisch gehaltenen Hooks kann man mögen oder nicht. Für mich passen sie zu einem Battle MC wie Gregpipe einer ist wie die Faust aufs Auge. Dass der Rapper aus FFM auch anders kann, zeigt er eindrucksvoll auf „Nicole Faust“. Dahinter versteckt sich eine amtliche, handlungsreiche Nummer über seine drogenabhängige Nachbarin, die sich das Leben genommen hat. Weiterhin unterstreichen Amanda & OverdOZe den ernsten Text durch ihre gesungene Bridge sowie einer eingespielten Violine (Elisabeth Luxem) und E-Gitarre (PCP Beatz). Auf jeden Fall ein gelungener Abschluß, ehe mit der ersten Video-Single „Bars & Delivery“ mit Gregpipe’s Pendant aus den Staaten Dizaster das Album endet.


Gregpipe – Underdog

Fazit
Gregpipe’s Steckenpferd, nein Passion (!) ist der Battlerap. Dieser Typ ist die personifizierte lyrische Konfrontation und das bis in die Knochen. Hands down! Dies hat er auf „Dopamin“ freien Lauf gelassen und darüberhinaus versucht jedem Track das gewisse Etwas mitzugeben. Das ist ihm manchmal mehr und manchmal weniger gelungen. Mit „Dopamin“ meldet sich Gregpipe auf jeden Fall mehr als nur zurück. Wie gesagt, auf dem Album überwiegen eindeutig die Punchlines und „Auf die Kacke hauen“-Musik, was das Werk mehr zu einem Nischen- als Massenprodukt macht. Böse Zungen würden ihm Einfallslosigkeit und Stagnation vorwerfen.

Diese Meinung kann man ebenfalls verstehen, muss man akzeptieren, aber damit nicht zwingen konform sein. Ein weiteres Gegenargument von großer Bedeutung wäre da noch PCP Beatz, der quasi alles produziert hat und einen einwandfreien und zeitgemäßen Boom Bap-Teppich mit genug atmosphärischer Abwechslung genäht hat. Getreu dem Motto: Weniger ist mehr. Für ein “Opus magnum“ fehlt mir trotz dem Fanatismus zum imaginären Dissen etwas die Abwechslung. Genauer gesagt, die Ansätze sind da, nur zum Abschluss, der einen umhaut, kommt es nicht so wirklich. Ob die bedeutendsten Werke eines Künstlers zwingend facettenreich sein müssen, darüber lässt sich streiten. Allerdings müsste der rote Faden ein kreativerer sein. Trotzdem gibt es hier mehr als nur den Standard und kurzweilige Unterhaltung durch 0815-Punchlineparts.


Tracklist

    01. Intro / Dopamin feat. Menna Mulugeta
    02. D. E. R.
    03. Exhumiert
    04. Mitten ins Gesicht feat. Morlockk Dilemma
    05. 180 BPM
    06. MVP
    07. Fick Dich
    08. Immer noch
    09. Babba Shit
    10. Benjamin Button
    11. Underdog
    12. Ali & Stavros (Skit)
    13. Scheinen hoch feat. Illmat!c & OverdOZe
    14. Schlachthaus feat. Damion Davis, Tierstar & Basic
    15. Nicole Faust
    16. Bars & Delivery feat. Dizaster

Cover
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