Jetzt ist es endlich raus: Das langerwartete Kollabo-Album von Bushido und seinem Schützling, der eigentlich keiner mehr ist, Shindy, „CLA$$IC„. Kann es die hohen Erwartungen erfüllen? Wir haben uns das Album angehört.

Lassen wir die Bombe sogleich mit einer plakativen Aussage platzen: das hier ist schlichtweg das Dekadenteste, Weltmännischste und Ignoranteste, was deutschsprachiger Rap seit langer Zeit hervorgebracht hat. „Cla$$ic“ ist das, was „23“ aus 2001 hätte werden sollen. Jedenfalls meiner Meinung nach.

Mit seinem Gold-Album „FBGM“ hat sich Shindy mit seinem überheblich-gelangweilten Slow-Motion-Flow und seiner unbeschwerten Leichtigkeit definitiv in die Liga jenseits des großen Teichs gerappt und mit seinen roten Sneakers, der Bomberjacke, dem Oversized White-Tee und seiner Frisur verschiedene Volksstämme des HipHop vereinigt. Und der gute Bushido ist nach seinen Konflikten mit der Staatsanwaltschaft, Politikern und so manchen Prominenten hungriger und angriffslustiger denn je.

Nun mag man „Cla$$ic“ ähnlich wie „23“ kommerzielles Kalkül unterstellen. Man nehme zwei Top-Rapper, die beide noch amtliche Produzenten sind, packe die beiden zusammen auf eine Platte und der Rubel rollt. Klar, stimmt diese Theorie auch irgendwo, und natürlich ist Bushido für manche mehr Geschäftsmann als Musiker, dennoch sind die beiden verbandelt, auch abseits des Raps und interessiert den aufmerksamen Hörer ja nur eines dabei: Stehen die beiden Dollarzeichen für eine Symbiose aus Sonny und Shindy oder doch einfach nur für das schnelle Geld?

Wie es sich für bedeutende Anlässe gehört, beginnt das Spektakel mit dem „Bibel-festen“ „Brot brechen“ nicht besonders spektakulär, gar mit einem Paukenschlag.

Sondern ausgerechnet Bushido, der bisher nicht für Technik und Flow stand, rappt über simple Klavierklänge, ganz ohne Snare. Aber da er einen Takt in seinem Part hat, kann man genau hören, wo eine hätte sein sollen. In der Mitte des Tracks, pünktlich zu Shindy, ertönen dann endlich die standesgemäßen Trompeten.  Der Beat rumpelt zackig, fast wie Marschmusik, als Shindy beginnt die Hook rappt. Im Geiste steht der Hörer stramm und salutiert. Es kann also losgehen.

Der zweite Track ist passenderweise auf der Titeltrack „Cla$$ic“, womit klar ist, in welche Richtung es gehen soll: Nach oben. Die Single „G$D“ dürfte mittlerweile hinlänglich bekannt sein. Allein, wie Shindy, das vorliegende Synthie-Brett in seiner Strophe zerhackt und zerstückelt hat, ohne dass dabei ein Funken Laid-Back verloren gehen würde, ist ganz großer Elitesport wie Cricket oder Segeln: „Trag’ die Nase so hoch, die kann keiner brechen“.

Ein wahrer Stamm von Indianer wurde einberufen, um auf den nachfolgenden Beat mitzuwirken. Nur angemessen, denn mit Marteria erwartet man königlichen Besuch. Vor lauter Schwerelosigkeit vergessen die Drei aber den Rap nicht: „Hol mir ’ne Kokosnuss vom Baum auf den Cayman Islands / Mein Ghostwriter voll auf der Höhe – Johann Wolfgang von Goethe“.

Nicht nur die beiden Skits machen es so langsam deutlich „Cla$$ic“ besitzt die richtige Balance aus vibrierenden Synthie-Streichern in melancholischer Moll-Tonlage („Rap leben“) und einer konsequent-hochnäsigen Attitüde mit einer Reihe von Reimen, bei denen man zumindest schmunzeln muss sowie einer Reihe von Vocal-basierten stimmigen Beats, die in ihrem Aufbau stark an „Otis“ von Kanye und Jigga erinnern („FAZ“). Generell scheint das musikalische Gipfeltreffen der beiden US-MC’s aus 2011 ein Vorbild gewesen zu sein. Die Kunst dabei ist nicht nur Kompromisse, sondern Symbiosen zu erschaffen, was ihnen erstaunlich gut gelungen ist. Aus Bushido’s „Es ist [Pause]“ und Shindy’s „Aww!“ ist viel Unerwartetes entsprungen: Kaum zählbare Beatwechsel, Back2Back-Raps und auch die bekannteste Zeile aus „Reimemonster“ hat seinen Platz auf „Cla$$ic“ gefunden. Schwere Stück, die in der Magengegend drücken, wie „Adel“ und „Glänzen“ geben dem Yasha-Feature mit etwas ruhigeren Tönen, aber nicht weniger Tempo, auf Augenhöhe die Klinke in die Hand.

Nach 45 Minuten fällt der Vorhang endgültig und was bleibt, ist die eingangs gestellte Frage nach dem Klassikerstatus. „Cla$$ic“ ist durchkomponiert, besitzt lyrische Glanzpunkte und klingt nach einem gelungenen Zusammentreffen zwischen zweier Rapper, Produzenten und Freunde. Shindy ist der Jungbrunnen, den Bushido braucht um seine prollig harte Attitüde auch 2015 an den Mann bringen zu können. Wenn eingangs erwähnte Dekadenz mit Referenzen an Designer, Maler, Museen und Kunstwerke Zutritt im deutschen Rap erhalten soll, dann bitte so. Falls es sich bei Savas und Bushido & Shindy um zwei verschiedene Kronen handelt, ist die eine imaginär und die andere aus echten Gold.

Und doch kommt auch „Cla$$ic“ nicht umhin, ein Kind seiner Zeit zu sein. Zu sehr steht hier der Versuch ein deutsches „Watch The Throne“ zu schaffen im Vordergrund und die Tatsache, dass dadurch kaum nachfolgende Künstler das Album als Blaupause benutzen werden, wertet alles ein wenig ab. Auch die durchgängige Erwähnung, dass man zum „rap-technischen“ Adel gehört (auch wenn dies äußerst authentisch dargeboten wird), wirft in mir die Gegenfrage auf:  „Wird ein Album einem Klassiker, wenn darauf andauernd erwähnt wird, dass es sich hierbei um einen Klassiker handelt?“ Mein Fazit: Eher ein Dollarzeichen anstatt zwei – „Cla$sic“.


Tracklist

  1. Brot brechen (Video)
  2. Cla$$ic (Video)
  3. G$S (Gott sei Dank) (Video)
  4. Megalomanie
  5. Gravitation feat. Marteria
  6. Sonny
  7. Verlieren hassen
  8. FAZ
  9. Adel
  10. $hindy
  11. Freier Fall nach oben feat. Yasha
  12. Rap leben
  13. Glänzen
  14. Über Alles feat. Ali Bumaye