Mit rotzigen Riffs beginnt das zweite Album von Swiss und seiner Band Die Andern. Die Scheiße brennt sogar so sehr, dass die Feuerwehr gerufen werden muss. Missglückte Welt bleibt der Linie treu und der Name ist Programm. Das Ganze ist auch kein Rap mehr, sondern Gegenkultur und verdammt richtig, der Scheiß ist politisch. Swiss fasst in Einz, Einz, Zwei den neuen Langspieler gut zusammen.

Zu erwarten ist laute Musik, die dem Hörer aber immer wieder Pausen gönnt, wenn sie benötigt werden. Zu erwarten sind politische Texte, deren Inhalt so wichtig ist, dass er durchaus wiederholt werden sollte, wobei ein ganzes Album mit nahezu gleichem Inhalt wie der Vorgänger auch einen Kritikpunkt darstellen kann. Alles, was auf der Vorgängerplatte gesagt wurde (Nazis sind kacke, Rassismus ist kacke, Nationalismus ist kacke, die Welt ist missglückt) wird hier wiederholt, aber so gut, dass es nicht wirklich stört. Immerhin kann hier die Message nicht übersehen werden und außerdem ist das Album durchweg hochwertige Musik, denn die Band weiß, was sie tut und auch Swiss balanciert seine Stimme immer facettenreich und passend auf den Gitarren. So bringt er viele unterschiedliche Emotionen auf den Punkt und verleiht seinen Songs somit mehr Ausdruck.

Wir sind zum Pogo geboren, werden pogend sterben / Wir sind die Kinder von Ton, Steine, Scherben

Zwischendurch lockern auch Lieder auf, die nicht so politisch sind – wobei Swiss sich kleine Seitenhiebe auf die Gesellschaft nie nehmen lässt – sondern irgendetwas mit Liebe zu tun haben, unter anderem die Liebe zu sich selbst, die irgendwann bestimmt zustande kommen wird, aber auch der Bonny und Clyde-Song, der so rebellisch schön ist wie Sid & Nancy.

Wir sind Verlierer, weil’s für mehr vielleicht nicht reicht / Doch auch in der Niederlage schlagen uns’re Herzen gleich

Missglückte Welt kann man inhaltliche Einfalt vorwerfen, wer sich jedoch andere Rap-Platten anschaut, dem wird klar, dass mit einem Track mehr gesagt wird, als ein ganzes Album anderer Interpreten. Nicht abgestritten werden kann aber die ein oder andere recycelte Song-Idee. Zum Beispiel findet sich in Insel im Paradies inhaltlich ein bisschen Schwarz, Rot, Braun wieder und musikalisch erinnert es stark an Punkah in Sri Lankah, auch die erste Auskopplung des neuen Albums mit dem Titel Gangster vom Asylheim ist ideenmäßig quasi wieder Schwarz, Rot, Braun nur halt mit noch ein bisschen mehr Kritik und ein bisschen anderem Szenario.

Generell ist Missglückte Welt eine aufgetunte Version von Große Freiheit. Alles hat ein bisschen mehr Ausdruck, alles ist lauter und rotziger und alles wirkt noch ein bisschen durchdachter, denn Missglückte Welt ist ein Konzept-Album, welches eben jene perfekt pointiert. Swiss zeigt, was alles falsch läuft in der Welt und bietet damit den Soundtrack zum Sachen zertrümmern, vorzugsweise Deutschland-Flaggen und Mercedes-Sterne.

Unsere Kinder haben kein Abi, aber ihre Köpfe frisch rasiert / Wir sind Deutsche mit genetisch bedingtem Recht auf Hartz 4

Wie in Große Freiheit auch, gibt es wieder wenig Features und ein Ton, Steine, Scherben-Cover. Die existenten Features überzeugen aber auf ganzer Linie, so haben sich Swiss & Die Andern den SDP-Member Dag ins Boot geholt, der offensichtlich auch ernste Texte kann und überraschend gut mit Swiss harmoniert. Auch Shocky in Der Kopf der Gertraud Bräuer funktioniert sehr gut, sogar besser als auf den elektronischen, Dub-lastigen Beats seiner Solo-Projekte. Die Hofpianistin, hinter der sich Eva Engelbach verbirgt, ist das Goldstück des Albums und macht aus dem Lied etwas sehr Besonderes. Es entstammt einer, von Engelbach geschriebenen, Operette namens Honka und ist das wohl interessanteste Stück des ganzen Albums. Es fällt sehr aus dem Rahmen und erzählt eine ganz eigene Geschichte.

Zu zweit fällt der Abstieg leichter / Und zu zweit, tanzt man auch am Abgrund weiter

Insgesamt spiegelt Swiss hier die Missglückte Welt perfekt wieder, musikalisch bietet es reichlich Abwechslung, kommt aber nie vom roten Faden ab. Wer sich auch gern über das deutsche, nationalistisch geprägte Spießertum aufregt oder sie beschmunzelt, dem sei das Album aufs Tiefste ans Herz gelegt. Hier werden punkige, perfekt unperfekte Riffs geliefert, mit klarer Message und vielen Emotionen.

Ein Interview mit Swiss findet ihr hier. Er erzählt uns unter anderem, wie es dazu kam, was er an der deutschen Rap-Szene auszusetzen hat, was an Live-Musik so wichtig ist und wie die Leute auf seine Inhalte reagieren.